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Den ganzen Tag lag sie schon wieder gedankenverloren da. Sie dachte an ihn. Sponn schon wieder Geschichten. Stellte sich vor, wie es wäre, mit ihm darüber zu reden. Wahrscheinlich würde sie nur beschämt und zitternd auf den Boden schauen und kein Wort über die Lippen bekommen.

Ob er nicht doch mittlerweile etwas ahnte? Was wenn er vergangenen Sommer ihre Facharbeit im Bereich psychischer Erkrankungen gelesen hatte? Viele Lehrer blieben für das Thema und für die sehr gute Bewertung jedenfalls nicht übrig… Eigentlich kaum einer. Und sie hatte damals auch noch im persönlichen Fazit (5 Uhr morgens, kurz vor dem Abgabetermin) u.a. vermerkt, dass sie erstaunt darüber sei, wie häufig Angststörungen in der Bevölkerung vorkommen würden… Neeeein, das machte sie stilles, zurückhaltendes Wesen überhaupt nicht verdächtig…!!!

Und wenn er damals vor wenigen Jahren in seinem Unterricht schon irgendeinen Verdacht hatte? Sie war Klassenbeste. Perfektionistisch. Sie war ruhig. Langarm im Sommer. Und immer die Letzte beim Abgeben der Klassenarbeiten.

Oder als er neulich bei ihr im Kindergarten war…
Kurz davor hatte sie angefangen mit ihm anonym über ihre Probleme zu schreiben. Ein abgekartetes Spiel, in der Hoffnung „gesehen“ zu werden, sozusagen… Schließlich wusste er vorher nicht, dass dort arbeitete…
Sie hatte sich halb vor ihm versteckt. Sich so abrupt umgedreht, als sie Blickkontakt hatten. Und später blieb sie gefühlte 15 Sekunden wortlos und blockiert vor ihm stehen, als sie ihn auf die glorreiche Idee kam, ihn zu begrüßen um sich nicht so verdächtig zu machen… Das ging mal sowas von in die Hose…
Die Kinder riefen ihren Namen. Ihren Vornamen. Sie unterschrieb doch die Mails an ihn mit ihrem Anfangsbuchstaben…
Danach hatte er sie noch eine Weile beobachtet…
Kurz nach der Begegnung, schrieb sie ihm plötzlich längere Zeit nicht mehr. Er wollte wissen was passiert wäre. Der Mut hätte sie dann doch wieder verlassen, meinte sie…

Durch ihre Mails wusste er, dass sie allein wohnte (also vermutlich schon älter war und Geld verdiente). Im Ausschlussverfahren blieb da vermutlich hauptsächlich ihr Jahrgang (die Praktikanten im Anerkennungsjahr) übrig…
Er wusste dass sie sich kennen mussten.
Und charakterlich konnte er (besonders als Lehrer im Bereich von Entwicklungspsychologie usw.) wohl so einiges über sie zwischen den Zeilen herauslesen… (wenig Selbstvertrauen, usw…).
Dass sie mit Sachen nicht mehr hinterher kam und eigentlich vieles aufarbeiten sollte, um den Erwartungen gerecht zu sein und nicht aufzufallen, ließ wohl darauf schließen, dass sie eher gut in der Schule sein musste…

Er war intelligent. Aufmerksam. Extrem sturkturiert. Antwortete ihr fast immer nach ein oder zwei Tagen. Und wenn er gut kombinierte… Dann gute Nacht…!!!! Oder guten Morgen?

Sie hatte ihm erneut geschrieben, trotz schlechten Gewissens. Und wie jedes Mal hatte sie Angst vor der Antwort. Weil sie immer daran dachte, dass auch er sie irgendwann wie eine heiße Kartoffel einfach wieder fallen lassen würde… Sie war so überzeugt davon, bei jeder Mail. Deshalb wollte sie ihm eigentlich auch gar nicht mehr schreiben. Aber irgendwie musste sie es tun…

Ihr Smartphone spielte den Hinweiston ab, eine neue E-Mail zu haben. Eine neue Mail von IHM… !!! Seit zwei Tagen war sie deshalb schon wieder auf heißen Kohlen gesessen.
Sie zitterte… Sie las seine Zeilen… Und ihre Hände zitterten noch mehr…
Er meinte, dass es schön wäre, von ihr zu hören… Puuh… Er ließ sie bisher nicht fallen… Zumindest noch nicht. Er ließ sie nicht fallen. Er ließ sie nicht fallen… Er ließ sie noch nicht fallen…

Und dann las sie die Frage, die sie eigentlich genau mit ihrer letzten Mail bei ihm bezwecken wollte. Obwohl sie ihre Antwort darauf noch nicht wusste… Oder doch?
Was würde im schlimmsten & besten Fall passieren, wenn sie auffliegen würde?
Sie könnte da jetzt irgendwie ein paar Worte hineinmogeln, dass sie sich manchmal vielleicht sogar wünschen würde aufzufliegenAber sie traute sich nicht… Nachher würde er sie doch noch ansprechen… Was, wenn er es aber mittlerweile wirklich ahnte?!??!!!!
Vorgestern war sie viermal (oder sechsmal?) an seinem Haus vorbeigelaufen. Stehen geblieben. Es war dunkel. Aber vielleicht hatte er trotzdem etwas gesehen? Okay, unwahrscheinlich…
Sie wusste nicht mal mehr, ob sie ihm begegnen konnte, ohne loszuzittern und direkt seinem Blick auszuweichen…

In wenigen Tagen wird sie das evtl. in Erfahrung bringen können. Denn da wird sie einen ihrer seltenen Tage in der Schule haben. Und wer weiß, wem man da so im Schulflur begegnen wird…

Und bis dahin sollte sie sich endlich auf ihre vier Buchstaben setzen um wenigstens noch ein kleines bisschen von den Schulsachen zu retten, die seit Monaten auf sie warten. Doch sie fühlt sich so unfähig dazu. Sie ist vor Angst es nicht zu schaffen, viel zu blockiert. Der Druck sich zu verletzen und kein Essen & Trinken in sich zu spüren ist seit Tagen so unglaublich groß.
Obwohl Silvester trotz Planänderungen eigentlich ganz gut verlaufen ist und sie mit ihrem Freund momentan wieder ganz gut klar kommt. Sie liebt ihn. Er liebt sie. Und ihm geht es zur Zeit auch wieder ganz gut.
Und trotz allem hat sie das Gefühl, mit sich und der Welt überfordert zu sein… Vor allem mit ihrer Ausbildung. Versagen wird sie… Versagen…