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Durchschnittlich hatte sie die vergangenen Nächte jeweils etwa 3 Stunden geschlafen. Danach gearbeitet, teilweise bis zu 10 Stunden ohne Pause. Sie konnte einfach nicht mehr. Und sie wollte auch nicht mehr.
Und plötzlich waren diese Gedanken wieder da. Die, die sie vor einigen Jahren nach dem Kennenlernen ihres Freundes, irgendwann mal verlassen hatten. Der einzige Ausweg…  Im Tagesverlauf wurden sie wieder schwächer. Die Arbeit lenkte sie ab.
Aber danach war wieder alles wie zuvor… Und es war niemand bei ihr, der sie verstand oder mit dem sie hätte darüber reden können…

Durch den Schlafmangel sank ihre Konzentration fast auf den Nullpunkt. Sie zitterte häufiger. Ihre Beine waren schwach.
Eine Mutter, die ihr ihr schreiendes Kind auf dem Arm übergab, meinte: „Vorsichtig, sie ist schwer!“
Hallo? Das Mädchen von 3 Jahren war das zierlichste Kind von allen! Sah sie denn so zerbrechlich aus?
Und als sie im Bewegungsraum die Geräte abbaute, kam ihre anleitende Erzieherin auf sie zu: „Schaffst du das?“
Äähh… Sie machte das doch nicht zum ersten Mal!!??!!!

Ihre Impulsivität stieg. Sie verspürte wieder schneller als sonst und wegen jeder Kleinigkeit, diese unglaubliche innere Anspannung, wenn ihr etwas nicht in den Kram passte.

Plötzlich konnte sie wieder ständig essen. Nein, besser gesagt, FRESSEN. Wie so oft nach ihren Hungerphase. Sie verspürte diesen Drang nach Zucker, bzw. weißmehlhaltigen Nahrungsmitteln. Nur noch auskotzen wollte sie es.
Erneut nahm sie sich vor, nie wieder Nutella & Co. zu kaufen. Wenn sie keine ungesunden Dinge einkaufte, so konnten ihre Fressanfälle auch weniger aus dem Ruder laufen. Doch das war einfacher gesagt, als getan…

So konnte sie sich nicht vorstellen, in einiger Zeit mit ihrem Freund zusammenzuziehen. Auch wenn dieser das wollte, für sie ging es noch nicht.
Er verstand es nicht. Aber er wusste ja auch zu wenig über sie. Dass sie so viel Ruhe und Zeit für sich benötigte. Denn sonst fühlte sie sich zu kontrolliert & fremdbestimmt, war total reizüberflutet und wurde innerlich aggressiv.
Schließlich war sie es nicht gewohnt. Schon seit Jahren hatte sie sich von der Außenwelt ansonsten isoliert.

Im Gegensatz zu ihm. Er hatte zahlreiche Kumpels. Doch die meisten hatten bereits mehrere Jahre im Knast verbracht, waren gerade drin oder mussten bald hinein. Immer wieder erfuhr sie neue Geschichten. Für ihn war es so unglaublich selbstverständlich! Auch die Tatsache, dass er schon so viel mit der Polizei zu tun hatte…
Das machte ihr alles immer wieder Angst… Sie, der keine Menschenseele etwas Böses zutraute. Somit auch keinen „bösen“ Freund. Schließlich würde sie sich niemals irgendwelchen Regeln widersetzen. Nein, dazu war sie viel zu lieb…

Und perfektionistisch war sie auch. Nicht nur ihre Praxislehrerin musste sie immer auf dieses „Gedankenschmiedin-Problem“ hinweisen.
Als ihr Freund eines Abends kam, ohne sich nochmals (wie vorher verabredet) bei ihr zu melden, war sie kurz davor an die Decke zu gehen. Ihre Küche sah aus. Sie hatte noch nicht fertig aufgeräumt. Das Bett war nicht gemacht und die Wäsche auch noch nicht zusammengelegt. Nein, so empfang sie nicht einmal ihren Freund. Niemanden um genau zu sein, solange ihre Wohnung nicht mindestens zu 95 % aufgeräumt war.
Ständig musste sie vor anderen als perfekt dastehen. Nie würde sie ungeschminkt oder mit nicht vorher gewaschenen Haaren auch nur den Müll wegbringen oder wenn es klingelte, die Türe öffnen. Sie konnte es nicht…
Trotzdem schlug es bei ihr wie ein Blitz (!) ein, als sie so verärgert war und ihr Freund meinte:
„Aber ich möchte doch auch die Seite von dir kennen lernen, die nicht so perfekt ist…“
Ja, eigentlich hatte er recht…  ❤
Eigentlich hatten sie alle recht… Warum musste sie nur immer so perfektionistisch sein!??

Dabei waren weder sie noch ihr momentanes Leben, perfekt. Nur schien das irgendwie niemand zu bemerken…