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11 Uhr:
Ich sollte mich schämen. Habe die Verabredung mit meinem Freund abgesagt. Alles ist mir zu viel. Mir geht es nicht gut, noch von gestern Abend. Mein Hals brennt wie Feuer, mein Körper ist stark geschwächt.
Ich kann nicht mehr zu ihm gehen. Seit Monaten (seitdem er in seinem Zimmer  viele Dinge kurz und klein geschlagen hat), kommt er wenn dann nur noch zu mir. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich war erst gestern bei meiner Familie. Ich möchte heute nicht auch noch seiner über den Weg laufen. Ich möchte nicht ausgefragt werden von ihnen, wie es mir geht, wie meine Ausbildung läuft, oder was es bei mir zum Mittagessen gab. Ich will nicht, dass mein Freund mit mir womöglich mit zu seiner Schwester und deren Familie geht, es dann vielleicht auch noch Kuchen gibt und ich ihn essen muss um nicht aufzufallen. Ich will das einfach alles nicht. Mit ist alles zu viel. Ich will selbst über mich bestimmen und auch darüber was ich esse oder nicht, ohne dass es bewertet wird. Ich will allein sein und doch will ich es eigentlich nicht. Eigentlich will ich in den Arm genommen werden. Eigentlich will ich über meine Probleme reden. Eigentlich. Aber es geht nicht… Und stattdessen tu ich meinem Freund und mir selbst auch weh, weil ich unser Treffen abgesagt habe… Ich hasse mich. Mich und mein Leben…
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19.30 Uhr:
Nach dem Essen musste ich mich heute wieder sehr zusammenreißen. Mein Magen schrie, wollte alles wieder loswerden. Doch ich war so schwach. Ich durfte nicht noch schwächer werden. Morgen wartet die Arbeit im Kindergarten auf mich.
Ich habe fast den ganzen Nachmittag geschlafen, weil ich so erschöpft war. Ich verstehe meinen Körper schon wieder nicht. Habe ich zu wenig getrunken? 250 ml Wasser waren es bis jetzt am heutigen Tag. Für andere vielleicht wenig, für mich eigentlich nicht. Okay, nachdem ich gestern durch das Erbrechen wieder Wasser verloren habe, habe ich glaube ich nichts mehr getrunken. Vielleicht könnte es also doch daran liegen. Aber ich will nicht. Ich will kein Wasser in mir spüren müssen. Ich hasse das Gefühl, wenn es sich seinen Weg durch meinen Körper bahnt…

Irgendwie bin ich am Verzweifeln. Weil es einfach nie endet. Weil ich mein eigenes Leben so kaputt mache. Weil ich meinen Köper so zerstöre. Und weil ich nun vor allem auch meinen Freund – der einzige Mensch im Leben der mir wirklich viel bedeutet – schon wieder so auf Abstand halte…
Ich würde dem Lehrer so gerne wieder schreiben. Aber es geht nicht, da seine letzte Mail (vor einem Monat) lediglich beinhaltete, dass sein Gesprächs-Angebot stehen würde. Ich würde sein Angebot gerne annehmen, aber es geht nicht. Ich wäre einfach nur blockiert und könnte nicht reden.
Ich könnte ihn höchstens fragen, wann er denn dafür Zeit hätte, falls ich auf sein Angebot eingehen würde… Er könnte mir frühestens einen Termin in zwei Wochen nennen, da momentan Schulferien sind… Und der Schritt, einen Termin zu bestätigen wäre vielleicht ein ganz kleines bisschen kleiner…
Okay Gedankenschmiedin, das ist nun wirklich mal wieder eine komplett bescheuerte Idee… Erstens würdest du ihn mal wieder in den Ferien mit deinen blöden Mails stören. Vielleicht würde er gar nicht antworten. Und zweitens, wozu nach einem Termin fragen, wenn du ihn vermutlich sowieso nicht annehmen wirst, bzw. nicht erscheinen würdest???!!?
Aber es ist meine letzte Chance. Und eigentlich sollte ich bald etwas tun. Ich sollte nämlich im Juli zum Arzt (fragt mich nicht, wie ich mich jemals dazu überwinden könnte), um die Chance zu verringern, dass auffliegt, dass ich dort für mein Anerkennungsjahr nicht war. Die Untersuchungen dort sind meines Wissens nach sehr komplex, ich habe sie schon mal gegoogelt. Und mittlerweile sehe ich es als sehr unwahrscheinlich an, dass der nicht checken würde, was Sache ist. Ich bezweifle, dass meine Blutwerte normal sind. Mein Blutdruck wird wieder zu hoch sein durch die Angst. Er wird meine Narben sehen. Rillen auf den Fingernägeln. Womöglich fällt ihm etwas an den Zähnen/ im Hals auf. Nervosität. Und so weiter.
Es wäre vielleicht einfacher zu sagen, dass ich irgendwo schon in Behandlung bin, wie dass er mich irgendwo hinschickt, wo ich nicht hingehen möchte…
Shit aber auch…

Ich kann noch nicht einschätzen, wie das mit dem Arbeiten diese Woche wird. Vermutlich werden weniger Kinder da sein, da viele in den Urlaub fahren oder mit ihren Geschwisterkindern zu Hause bleiben. Meine Kollegin hat ebenfalls Urlaub. Meine Anleiterin ist meistens mit einigen Kindern außer Haus. Das heißt, ich werde  für den Ablauf im Haus und alles drumherum verantwortlich sein und gemeinsam mit einer anderen Praktikantin und dem FSJler alles am Laufen halten müssen.
Da wären wir auch schon beim nächsten Problem. Unser FSJler. Manchmal hat er eine Nullbock-Einstellung, manchmal hängt er nur am Handy oder hört heimlich Musik, manchmal wird er von meinen Kollegen nur für hauswirtschaftliche und für hausmeisterliche Tätigkeiten eingeteilt und manchmal macht er auch das mit den Kindern ganz gut. Letzte Woche wurde er mir gegenüber plötzlich extrem frech, bzw. er hat ständig versucht mich zu necken oder mit mir zu flirten? Nein, das kann ja gar nicht sein… Er hat genau bemerkt, dass ich ihm nur ungern irgendwelche Aufgaben auf’s Auge drücke. Ich mache es lieber selbst, sonst habe ich ein schlechtes Gewissen. Schließlich habe ich auch mal ein FSJ gemacht und weiß wie es ist, der „Depp vom Dienst“ zu sein. Und wenn ich ihn dann doch mal um etwas bitte, dann versuche ich es nett auszudrücken, was ihn nur noch mehr belustigt. Ja, vielleicht sollte ich mich mehr durchsetzen. Doch ich  hasse es, anderen Menschen Aufgaben zu deligieren. Aber genau das, werde ich diese Woche über tun müssen…
Und morgen muss ich auch noch einen Geburtstag mit den Kindern feiern. Ich muss ihn leiten. Geburtstag bedeutet auch singen. Ich hasse es. Okay, nur mit den Kindern geht das. Mit Kolleginnen macht mir das mittlerweile auch nicht mehr ganz so viel aus. Aber wenn der FSJler anwesend sein sollte, dann geht das nicht!!!!! Ich könnte dem FSJler irgend eine schöne Aufgabe geben (vielleicht einen der Räume zu putzen, das wollte meine Kollegin ihm nämlich sowieso noch auf’s Auge drücken…). Okay, hören würde er es vermutlich so oder so, da wir erst im einen und dann im anderen Stockwerk sein werden. Aber schon allein, dass er mir nicht zuschauen würde, wäre schon eine kleine Erleichterung für mich…

Shit man, die Sache mit dem Lehrer geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Und ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Aber ich muss durchhalten. Muss äußerlich gesund erscheinen. Ich muss arbeiten. Darf meine Kollegen nicht im Stich lassen. Ich muss meinen Abschluss der Ausbildung schaffen. Ich sollte meinem Freund eine gute Freundin sein. Ich muss und muss und sollte und muss…