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Da kam er wieder an die Bushaltestelle. Mr. Unbekannt. Gestern kam nur ein „Guten Morgen“ von ihm. Zuversichtlich, dass er mich heute dann auch nicht weiter ansprechen würde, habe ich dann an der Bushaltestelle Musik gehört…
Doch kaum sind alle anderen Leute weg, dreht sich Mr. Unbekannt zu mir um. Er blickt mich fragend an. „Wie geht’s dir?“
Das war’s dann wohl mit deiner morgendlichen Ruhe!!!!!!!!
Ich packe die Kopfhörer in die Tasche.
Mit verschränkten Armen stehe ich da. Als Schutz oder vor Kälte? Vermutlich beides…
Er gibt mir zu verstehen, dass ich zusammengekauert dastehen würde und ahmt die Bewegung lachend nach.
So schlimm? Peinlich… Viel zu auffällig, Gedankenschmiedin!
Er möchte wissen, ob ich die letzten Tage Schule hatte, weil ich nicht an der Bushaltestelle war.
Er hat also vergessen, dass deine Ausbildung fertig ist oder etwas falsch verstanden… Egal… Aber er hat sich gemerkt, dass du nicht da warst…!?
Ich sage ihm, dass ich krank war. Was bleibt mir auch anderes übrig…
An die Bushaltestelle gesellt sich eine Frau mittleren Alters neben uns, die Socken strickt. Mr. Unbekannt wendet sich an sie und spricht sie darauf an (dass man da ja viel Geduld bräuchte usw.).
Okay, der spricht jeden an, ist eben direkt und will also nur freundlich sein! Du kannst aufatmen, Gedankenschmiedin!!
Als der Bus kommt, gehe ich hoffnungsvoll voran.
Hah! Jetzt bist du ihn bestimmt los!Ich setze mich auf meinen Stammplatz in die hinterste Ecke, worüber er sich ja neulich noch gewundert hat… (siehe hier)

Doch zu früh gefreut! Er setzt sich auch in die hinterste Reihe – neben mich mit zwei Plätzen Abstand.
„Wie heißt du eigentlich?“, möchte mir wissen, reicht mir seine warme Hand und stellt sich selbst als M. vor.
Shit, deine Hand ist echt ziemlich kalt im Vergleich zu seiner…! Hoffentlich nicht schon wieder zu auffällig!
Und dann quetscht er mich wieder aus, wie eine Zitrone. Warum lasse ich das mit mir machen?? Aber ich kann nicht nein sagen. In so vielen Situationen. Ich kann vielleicht auch niemanden so richtig abweisen oder so…
Außerdem will er bestimmt einfach nur freundlich sein! Ist er doch auch! Stell dich also nicht so an, Gedankenschmiedin!
Er fragt wo ich herkomme und in welchem Stadtteil ich wohne. Er erzählt mir, wo er wohnt und dass er in einer WG lebt. Ich in einer 1-Zimmer-Wohnung. Wir kommen auf die schlechte Wohnsituation in dieser Stadt zu sprechen.
Ob ich seitdem ich hier wohne in der Stadt schon Leute getroffen habe, mit denen ich mich gut verstehe, möchte er wissen.
Gedankenschmiedin hat eine Soziale Phobie oder so! Da geht so etwas nicht!
Er empfiehlt mir einen Club in dem man gut Leute kennen lernen kann. Meint, dass ich aber bestimmt nicht rauchen würde. „Aber im XX warst du bestimmt schon mal, oder?“
„Ja“, lüge ich.
„Ja klaaaaaaaar“, antwortet er, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.
Gut so. Keine darf wissen, wie isoliert du bist! Und dass du kein normaler Mensch bist…
Es wäre trotzdem besser, er würde langsam aufhören mit den Fragen. Du reitest dich da sonst bestimmt noch in irgendwas hinein, dass dir ganz und gar nicht gefällt! Merkt er nicht, dass du keine oder kaum Gegenfragen stellst?
Doch die Fragerunde geht weiter…
„Welche Musik hörst du denn so?“ 
„Alles Mögliche eigentlich…“, gebe ich zurück.
Frag besser nicht weiter. Ist ihr mittlerweile viel zu persönlich! Das darf niemand wissen…
„Aber kein Rock, oder?“
Entweder das ist jetzt seine Musikrichtung, oder er versucht gerade herauszufinden, wie du so tickst…

„Weniger. Früher mal mehr…“, meine ich und denke daran, dass ich heute kaum noch Interessen habe.
„Und was so?“
Lass dir schnell was einfallen! Ich weiß, dein Gehirn kann sich so vieles nicht mehr richtig merken. Aber irgendwas wird dir schon einfallen!
„Linkin Park zum Beispiel…“
„Cool, die höre ich auch manchmal. Vor allem zum Sport!“
Ob ich irgendwo zum Sport angemeldet wäre, möchte er wissen. Bin ich nicht.
M. blickt mich fragend (und mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwie zu sagen scheint: Schade!) an: „Warum nicht?“
Soziale Phobie lässt grüßen!!! Sie hat Angst, dass jemand sie dabei sehen könnte. Würde die Blicke nicht ertragen. Hätte Angst, lächerlich auszusehen, Fehler zu machen, oder sich zu blamieren…!!
Habe es mit mangelnder Zeit begründet, da ich bis vor kurzem meine Ausbildung gemacht habe und so…
Er fragt mich Dinge über den Erzieheralltag und die Ausbildung. Wie ich auf den Beruf kam (FSJ, Praktika).
„Warst du da so 17-18 als du deine Ausbildung begonnen hast?“
„Bisschen älter…“, meine ich. Wenn ich im Alltag irgendwas auf die Schnelle rechnen soll, wie alt ich irgendwann war… Katastrophe! Also nicht, dass ich dazu nicht fähig wäre. Ich kann Kopfrechnen. Aber wenn ich das schnell mal für irgendwelche Leute machen soll, dann legt sich da ein Schalter in meinem Kopf um und ich kann nicht mehr denken. Vielleicht, weil ich mit Mathe & Co. immer auf Kriegsfuß war und weil ich immer Angst habe Fehler zu machen…
Dass er letztendlich wahrscheinlich nur wissen wollte, wie alt ich momentan bin, kam mir erst danach. Schließlich hat er mich kurz vorher gefragt, wie lange die Ausbildung ging…
Aber er hat dich immerhin nur 2-3 Jahre jünger geschätzt als du tatsächlich bist. Er war also relativ nahe dran… Das bekommen nur wenige hin…
Ob mir der Beruf gefallen würde. Er mustert mich kurz von oben bis unten und meint, dass der Beruf zu mir passen würde. Wie soll ich das verstehen?
Schließlich kam seine Bushaltestelle in Sicht und er musste aussteigen.

„Ich wünsch dir noch nen schönen Tag!“
Wieder gab er mir die Hand und meine war immer noch so (peinlich) eiskalt…
Shit man… Und den sehe ich jetzt fünfmal die Woche!??!!!!??!!
Zwischendurch war ich gedanklich irgendwo anders. Es waren so viele Fragen. Für meine Verhältnis persönliche Fragen. Und ich habe kaum Gegenfragen gestellt. Was ich aus Höflichkeit ja eigentlich schon gerne getan hätte. Aber dann hätte ich das Gefühl gehabt, dann evtl. zu neugierig rüber zu kommen… Außerdem will ich nicht noch mehr fragen. Ich will nicht noch mehr von mir preis geben. Das kann nicht lange gut gehen!
Wenn diese Gespräche ab sofort jeden Tag und auch noch so lange über die ganze Busfahrt über stattfinden, dann gute Nacht… Dann weiß er nämlich in kürzester Zeit viiiiieeel zu viel von dir! Und wer weiß, was dann kommt! Bestimmt fragt er bald wirklich noch nach meiner Handynummer oder schlägt vor, mit ihm in einen der Clubs der Stadt zu gehen… Und dann muss ich wieder mit Ausreden kommen… Arrghhh…
Sollte ich bei der nächsten Möglichkeit irgendwann mal meinen Freund erwähnen? Ja vermutlich… Aber wenn er mich dann über ihn ausquetscht?
Das kann nicht lange gut gehen… Wo wird das bloß enden…
Aber ich glaube, dass nichts im Leben ohne Grund geschieht. Ich weiß nicht, welchen Grund die Begegnungen mit M. haben könnten. Vielleicht um mir meine morgendlichen depressiven Verstimmungen auszutreiben? Um Kontakte zu knüpfen?
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