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„Sie sehen gut aus! Sie sind heute nicht mehr so blass, sondern haben Farbe im Gesicht!“ Die Beraterin sitzt mir gegenüber und schaut mich mit erstaunt an.
Ja, Farbe. MAKE-UP, gute Frau. Extra vor wenigen Minuten nochmals aufgefrischt, weil mein hässliches Spiegelbild mir so fahl entgegengeblickt hat… Ich trage nie viel auf. Aber irgendwie lässt es mich einfach gesünder wirken und dadurch tauchen weniger Fragen bezüglich meinem Befinden auf… Seltsam, wieviel das ausmacht…
Und okay, das ist heute der zweite Tag ohne körperliche Schmerzen, das kommt vielleicht hinzu. Dafür geht es mir aber psychisch wieder schlechter. Weniger Schmerzen bedeutet auch gleichzeitig mehr Zeit um auf Gedankenreise zu gehen… Und das tut mir oftmals einfach nicht gut, wenn ich so in meinen Grübeleien versinke und alles um mich herum verschwindet.
Insgesamt war der Gesprächstermin am Montag okay. Aber irgendwie haben wir auch viel geschwiegen. Manchmal wusste ich einfach nicht, worüber ich reden sollte. Schließlich war ich die ganze Woche wieder mit Schmerzen beschäftigt gewesen, wenn auch weniger als zuvor.
Aber meine Gesprächspartnerin bekommt nun immer mehr einen Blick für mein verzwicktes Leben. Doch das dauert, bis sich die Puzzleteile aneinanderreihen.
Das meiste unserer Worte habe ich sowieso wieder vergessen. Mein Gedächtnis ist zur Zeit wieder eine richte Katastrophe, warum auch immer.
Sie war erstaunt über die Gegensätzlichkeit zwischen meinem Freund und meiner Wenigkeit. Denn da prallen ja nun mal zwei Welten aufeinander. Und das ist nicht so einfach für mich… Am Tag zuvor hat mein Freund mir wieder irgendwelche Drogenstorys erzählt, mit welchen Typen er schon wieder auf Kriegsfuß steht und wer wen bedroht. Das macht mir nun mal Angst. Mir ist nicht wohl, wenn ich (mit oder ohne meinem Freund) diesen Leuten dann begegne, diese Blicke sehe und hin und wieder mitbekomme, wer welchen Dreck am Stecken hat…
Auch die Gegensätze zwischen Arbeits- und Privatleben sind stark, besonders auf die Struktur bezogen.
Meine Beraterin will immer wieder wissen, was in meinem Leben damals vor sieben Jahren war. Als so vieles angefangen hat, bzw. schlimmer geworden ist. Aber ich weiß nicht, was genau der Auslöser war. War es die Geschichte mit dem Radiomenschen (wovon ich ihr auf keinen Fall erzählen werde)? Tod meiner Oma? Probleme in der Schule? Danach die Geschichte mit meinem Nachbarn? Vermutlich alles zusammen, vermischt mit vielen Selbstvorwürfen. Aber ich weiß es nicht…
Sie fand es toll, dass ich ursprünglich eigentlich auch gerne fotografiere (was aber ja durch meine Angststörungen bedingt, sehr schwierig bis unmöglich geworden ist). Sie macht das als Hobby. Und ihr Mann ist sogar Fotograf. Sie hat mich gefragt, ob ich ihr nächstes Mal ein paar meiner Fotos zeigen möchte. Habe ihr zugestimmt. Auch wenn es nur wenige gibt. Denn ich sortiere immer fast alle aus, weil sie mir nicht gut genug sind… Und noch weniger gibt es, die „vorzeigbar“ sind…
Besonders traurig war sie darüber, dass ich kaum noch male und zeichne, weil meine Versagensängste so groß sind und ich da total blockiert bin, weil ich das Gefühl habe, Farbe und Papier zu verschwenden. Weil das eben meistens eh nichts wird und im Müll landet…
Unser nächster Gesprächstermin ist erst zwei Wochen später. Sie ist im Urlaub. Wenn was ist, könne ich mich melden.
Eine Gedankenschmiedin würde das niemals zu tun. Die hätte da ein schlechtes Gewissen. Schließlich sind Sie im URLAUB…

M. ist wieder drauf man. Tut immer noch so, als würden wir uns gut kennen und alles. Dabei ist er eigentlich ein fremder Mensch für mich, der mich einfach so seit Wochen an der Bushaltestelle anquatscht und sich seitdem neben mich in die hinterste Reihe setzt. Und ich kann mich nicht wehren. Das ist wie mit Horst* damals in der Berufsschule. Man, man. Okay, ganz so verkorkst und kindisch scheint M. nicht zu sein. Aber trotzdem. Wenn er mich bloß nicht ständig fragen würde, was ich wieder nach Feierabend/ am Wochenende gemacht hätte. Denn er ist mit meiner Antwort einfach nie zufrieden. Meint ständig: „Du musst mal raus Mädchen, was erleben! Unter die Leute kommen, Leute kennen lernen!“
Grrrrr… Wie Recht er im Grunde genommen ja hat. Obwohl er natürlich nicht weiß, dass ich in meiner freien Zeit die meiste Zeit im Bett liege…
Er geht ständig Party machen. Auch nach Feierabend. Ich bin einfach nicht so. Wäre unter der Woche auch viel zu müde dazu.
Neulich meinte er: „Sag mal, wäre dein Freund sehr eifersüchtig, wenn du mal was mit mir trinken gehen würdest?“
Alterrrrr! Erstens trinke ich keinen Alkohol, zweitens ist mein Freund eifersüchtig und würde die Krise bekommen und drittens kann ich nicht einfach so raus unter Menschen und riskieren, dass jemand unter meine Maske schaut!!!!!!!!!!
Tja, wie kommt man aus so einer Nummer wieder raus? Genau, man sagt, dass man einen eifersüchtigen Freund hat. Was ja auch stimmt. Mein Freund gerät ja schon fast in Panik, wenn ich mal zwei Stunden nicht erreichbar bin…
„Meine Freundin ist da auch voll eifersüchtig“, gibt M. zurück. „Deshalb sage ich ihr so etwas gar nicht. Ich lasse mir das aber nicht verbieten. Weil ganz ehrlich, das ist doch total schade! Warum müssen die Leute immer denken, dass man gleich mit jemandem in die Kisten steigen möchte oder so? Man kann sich doch einfach so als Freunde treffen, wenn man sich gut versteht!“
Tja, was soll ich jetzt davon halten? Ja eigentlich ist es schade. Aber wenn ich mir vorstelle, ich würde mich mit nem Typen treffen und mein Freund würde das herausbekommen, der würde mir kein bisschen mehr vertrauen… Ich möchte ihm das auch nicht antun, weil ich weiß, dass er so extrem eifersüchtig ist…
„Ich finde dich nämlich wirklich total nett. Mit dir könnte man bestimmt gut feiern und Spaß haben!! 🙂 „
SCHLUCK. DU HAST DOCH KEINE AHNUNG…
Ich kann mir schon denken, was als Nächstes kommt. Bestimmt wird er mich die nächsten Tage fragen, ob ich ihn dann mit meinem Freund zusammen treffen würde. Da kam schon mal was in diese Richtung. Und wie rede ich mich dann aus der Sache raus??? Hilfe!!!!!!!!!!!!!!

Zwei Tage war ich nun schmerzfrei. Bis ich in der Nacht von Montag auf Dienstag starke Krämpfe bekommen habe. Diesmal erst Magenkrämpfe, warum auch immer. Und nun wieder Unterbauchschmerzen und alles. Es geht jetzt schon Wochen so. Und ich kann kaum arbeiten. Halte es teilweise kaum aus. Gehe manchmal früher heim, wenn es personell geht. Aber ich kann bei der Arbeit nicht komplett fehlen. Die neue Kollegin wird gekündigt und bis wir eine neue haben, wird es noch einige Wochen dauern. Und eine weitere Kollegin ist immer noch angeschlagen. Ich muss also irgendwie durchhalten. Das ist so bescheuert… Nächste Woche habe ich den Termin in der Klinik. Vielleicht weiß ich dann mehr, was gemacht wird. Hoffentlich heißt es dann von denen nicht „Abwarten und Tee trinken“. Dann raste ich…

Morgen Abend sollte ich eigentlich mit meinen Eltern zum Pizzaessen gehen (nen Geburtstag feiern). Aber erstens weiß ich nicht, wie das mit meinen Schmerzen sein wird. Zweitens wollen sie das in der Stadt machen, in der ich wohne. Ich könnte auf Leute treffen, die ich kenne. Und das würde ich nicht ertragen, wenn diese mich beim Essen sehen würden. Und drittens kann ich das Essen fast nie drin behalten, wenn ich mit meinen Eltern esse. Es muss einfach wieder raus. Pizza sowieso. Also eigentlich sinnlos. Wäre da nicht das schlechte Gewissen meinen Eltern gegenüber, dass sie mich schon eine Weile nicht mehr gesehen haben usw… Und nun?? Ich stehe zwischen den Stühlen…

Und nun muss ich dringend in’s Bett. Bin schon wieder mit Schmerzmittel vollgepumpt, dauermüde und total geschwächt. Die Krämpfe kommen auch schon wieder. Irgendwann muss doch mal gut sein, man!

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