Schlagwörter

, , , , , , , , , , , ,

9.30 Uhr: Dass mich alle vollstopfen wollen und sie mich heute Morgen nochmals zusätzlich gewogen haben, ist mir ordentlich auf den Magen geschlagen. Jetzt wird wieder alles schwieriger. Weil ich Angst habe, dass mir jemand auf die Schliche kommt. Und wenn ich Angst habe, kann ich nicht essen. Ist wie in der letzten Klinik, als sie mir Gespräche aufdrücken wollten, oder wie vor der Prüfung, vor der ich so große Versagensangst hatte. Es wird dazu führen, dass ich weiter abnehme. Und darauf warten die Leute hier doch nur. Weil sie dann denken, dass ich dauerhaft am Abnehmen bin und sie mir durch meinen momentanen BMI die Diagnose Magersucht stellen werden… Letztendlich war es heute Morgen in Unterwäsche (und vorherigem Toilettengang) dann 1 Kg weniger als gestern mit Kleidung. Wenn das mal keine Konsequenzen hat. Muss jetzt bestimmt jeden Tag zum Wiegen und irgendwann an den Tisch der Menschen mit Essstörung wechseln. An unserem Esstisch ist eine junge Frau, die nicht besonders viel isst und immer das gleiche. Die Blicke der beiden anderen vom Tisch, entgehen mir nicht. Diese Blicke, die sie sich zuwerfen, wenn sie sich über das Essen beschwert. Oder heute, da haben sie sie gefragt, ob sie auch schon mal Joghurt mit Kaba gegessen hätte (so wie eine der beiden das gerade gemacht hat). War wieder so eine typische „Testfrage“: und danach die Blicke, nachdem sie „nein“ gesagt hatte… Ich habe natürlich gesagt, dass ich das auch schon mal gegessen habe. Stimmt auch. Nur eben einige Jahre her…

Werde schon wieder so müde nach dem Essen + Schmerzmitteleinnahme. Aber das werde ich denen hier nicht sagen. Die denken dann nur, dass es am Essverhalten liegt… Kurz nach dem Essen hatte ich dann einen ähnlichen Blutdruck wie gestern, und einen Puls von 121 (mein höchster bisher hier)… 

11.00 Uhr: Habe den Vortrag des Chefarztes überlebt. Ohne Panikattacke. Obwohl er von schwierigen Beziehungen zu Mitmenschen und deren Konsequenzen auf unsere seelische Gesundheit handelte, was mir sehr bekannt vor kam… 

12.00 Uhr: OMG! Hatte gerade das Gespräch mit dieser Diplom-Psychologin. Sie ist natürlich für Essstörungen zuständig. Dieser unsympathische Stationspsychologe von gestern hat sie natürlich auf mich angesetzt. War so klar. Er hat sie gebeten nochmals bei mir nachzuhaken, meinte sie, da er eine zweite Meinung wolle (heißt das, er war sich da dann gestern doch nicht so sicher!??). Es war eine noch recht junge, freundliche Frau. Genau das Muster, dem eine Gedankenschmiedin fast alles glaubhaft vermitteln kann… Es waren die typischen Fragen, die Menschen mit Essstörungen gestellt werden und die Gedankenschmiedin all die Jahre genauestens studiert hat. Sie hat auf ihre Fragen geantwortet. ZB. dass sie sich nicht sonderlich viel mit Essen beschäftigt oder mit Wiegen. Dass sie sich ja selbst zu dünn findet und genervt ist, dass die Leute sie immer auf ihre Figur ansprechen, wenn sie irgendwo neu ist. Nein, Hausarzt oder Lehrer haben sie noch nie auf ihr Gewicht angesprochen (ist ja tatsächlich so, wenn dann andersrum :P), weil sie das Gewicht ja normalerweise hält und das dann so hingenommen wird, dass sie eben dünn ist. Dass sie leicht abnimmt, besonders in Krankenhäusern und ja auch Schmerzen beim Essen und Sitzen hat und es deshalb schwierig ist. Dass sie vor der OP ja 2 Kg mehr hatte und das eher das normalere ist. Dass ihre Schwester auch so dünn ist und ihre Mutter es auch war. Dass sie sich dünn im Spiegel sieht und es keine Stellen gibt die irgendwie fett herausstechen. Aber dass sie trotzdem irgendwann mal noch mit Sport anfangen möchte, was sie bisher nicht so gemacht hat. Dass sie regelmäßige Mahlzeiten einnimmt, 4-5 mal täglich, vielleicht etwas kleinere Portionen als andere. Dass sie alles isst, nur vegetarisch und möglichst keine Milchprodukte wegen ihrer Erkrankung. Usw… Und Gedankenschmiedin wirkte wohl sehr überzeugend. So sehr, dass die Dame ihr sogar die gestern angesetzte Zwischenmahlzeiten gestrichen hat, nachdem Gedankenschmiedin ihr geklagt hatte, dass diese aus Milchprodukten bestehen würden die ihr nicht gut tun… Die Psychologin wollte dann herausfinden, wer die Zwischenmahlzeiten angesetzt hatte. Weil sie verwundert war. Weil man das eigentlich nur ansetzen würde, bei Leuten die abnehmen. Und dass sie es bei Gedankenschmiedin erst mal so probieren möchte. Sie hatte aber keinen Erfolg herauszufinden, wer das in Auftrag gegeben hatte und hat es dann selbst abgesetzt und wollte es auf ihre Kappe nehmen…

Die Sache ist jetzt glaube ich für’s erste gegessen. Muss mich aber wöchentlich wiegen lassen, weil sie die Verantwortung für mich haben. Und falls ich abnehmen sollte, folgt ein neues Gespräch, weil man dann nochmal schauen sollte und man müsste dann doch nochmal wegen Zwischenmahlzeiten überlegen … Wie soll ich in der Klinik, in der ich voller Angst bin, nicht abnehmen? Vor allem habe ich keine Waage und kann es dann nicht einschätzen. Nächste Woche gibt das bestimmt Ärger. Oder schon früher, weil dieser Stationspsychologe ihr und mir nicht glaubt… Und ja, ihr müsst nichts sagen. Natürlich war dieses Schauspiel nicht förderlich, weil sich so nichts ändern kann. Aber dieses Fassade-aufrecht-erhalten gehört nun mal zu manchen Krankheitsbildern dazu…

13.00 Uhr: Beim Mittagessen habe ich vorsichtshalber alles in mich hineingestopft. Sogar den Quark am Ende. Jetzt habe ich Bauchkrämpfe. Ich sage ja, Milchprodukte sind keine gute Idee. Aber dann bleibt hier ja noch weniger übrig um nicht abzunehmen. Kann nicht immer nur Brot essen. Habe heute Morgen wegen starker Angst nicht so viel essen können (kam sogar eine Frau auf mich zu, blickte auf meinen Teller und meinte: „Oh ist das eine süße Semmel, so mini!“… Peinlich hoch zehn…). Die beiden Mädels am Tisch haben sich wieder über die 28-Jährige lustig gemacht: „Wo bleibt denn heute unsere Freundin?“ Sie haben dann mehrmals wieder gewisse Blicke ausgetauscht. Und ich war mir nicht sicher, ob sie es bei mir nicht auch gemacht haben, als es darum ging, dass ich Vegetarierin bin… Die beiden waren früher fertig und sind gegangen. Da hat mich die andere angesprochen, die sonst nur schweigt beim Essen. Sie hat gemeint, dass die beiden hier über alle herziehen würden. Ne andere hätte sogar den Tisch wegen ihnen verlassen. Ich hasse sowas. Kindisch. Und da steht man dann wieder zwischen zwei Stühlen. Beim Vortrag heute Morgen hatte ich mich auch zu denen gesetzt. Ich glaube heute Nachmittag setze ich mich zu irgendwelchen anderen unbekannten Leuten. Da ist irgend so ein Gesundheitsvortrag. Hab trotzdem Angst, da Panik zu bekommen. Müsste nur einmal mein Bauch Geräusche von sich geben und schwups wäre sie da!!

Nach dem Mittagessen war mein Blutdruck tatsächlich niedriger. Bestimmt die Erleichterung weil ich meine Fassade wieder etwas aufrichten konnte und weil das Gespräch mit der anderen am Tisch, die auch immer recht wenig isst, sonst ganz gut war. Außerdem sind bei dem Gespräch plötzlich meine Schmerzen in den Beinen weg gegangen. Vielleicht verspanne ich mich da ja doch teilweise einfach zu sehr…

Nachmittags hatte ich wieder einen sinnlosen Vortrag. Mir taten soooo die Beine weh, dass ich es zwischendurch kaum mehr auf dem Stuhl ausgehalten habe. Eigentlich war es ein interaktiver Vortrag. Man sollte sich also einbringen, wer mochte. Irgend ein seltsamer Typ hat dann vor allen anderen sein halbes Leben erzählt, was gar nicht zu dem eigentlichen Thema gepasst hat und hat immer wieder unpassende Kommentare von sich gegeben. Alle anderen haben schon die Krise bekommen und vermutet, dass er auf die Referentin steht. So ist die junge Frau gar nicht fertig geworden mit ihrem Vortrag. Am Ende haben sich noch zwei Männer wegen einer Kleinigkeit in die Haare gekriegt. Der eine ist voll ausgetickt. Hat mich sehr an meinen Freund erinnert. Auch als er im Speisesaal heute Abend  dann plötzlich wieder total nett war. Er hat gesehen, dass ich lange bei den Nudeln warten musste und wollte mir dann unbedingt Nudeln auf den Teller legen. Echt lieb gemeint. Aber ich wollte halt nicht so viele und habe auf seine Frage, ob ich noch mehr möchte, höflich abgelehnt und bin gegangen. Hinter mir habe ich dann aber irgend nen anderen Typen noch reden hören: „Hättest ihr halt noch mehr auf den Teller getan!“… *Schluck*… Immer diese Kommentare… 😦
Heute Abend war der Blutdruck wieder höher, keine Ahnung warum. Aber ich fühle mich ein bisschen weniger schwach, wie bei meiner Ankunft oder gestern. Bestimmt durch das viele Treppe auf und ab und vielleicht war es neulich auch nur so extrem, weil ich die Nacht vor der Ankunft Migräne hatte. Morgen habe ich u.a. leichtes Walking und Kunsttherapie. Vor Kunst habe ich so Angst, wegen meinem leeren Kopf, meinem Perfektionismus und vor dem, zu viel von meinem Inneren preis zu geben. Danach nochmals zwei Vorträge. Das mit dem Sitzen wird nicht lange gut gehen. Vor allem habe ich morgen kaum Pausen um mich auf die Wärmflasche zu legen, das wird schmerzhaft…

Advertisements