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Ich habe lange überlegt, ob ich mich dazu äußern soll, aber jetzt möchte ich doch ein paar Worte dazu sagen…
Es geht um die heutige RTL-Sendung „Das Jenke-Experiment“ zum Thema Essstörungen. Der Journalist Jenke wollte den Selbstversuch wagen um am eigenen Körper zu erleben wie es ist, eine Essstörung zu haben. Als ich das Thema gelesen habe, kam mir das alles sehr unpassend vor. Für mich passt Essstörung und Experiment einfach nicht zusammen. Das kann man doch nicht ausprobieren. Eine Essstörung nachstellen – wie soll das denn funktionieren!??

Verschiedenste Gründe können zur einer Essstörung führen (Mobbing, Hänseleien, Missbrauch, Gewalterfahrungen und viiiieeles mehr). Das Selbstwertgefühl ist meistens ziemlich weit unten. Das kann man meiner Meinung nicht nachstellen, das wird also evtl. schon mal fehlen… Und eine Essstörung besteht auch nicht nur aus Hungern, Fressen oder Kotzen, wie so viele es denken. Es ist psychisch bedingt und es steckt so viel mehr dahinter. Man richtet sein Leben danach aus und alle Gedanken drehen sich um das Thema Essen und Figur. Viele kapseln sich von ihrem sozialen Umfeld komplett ab und haben keine Freunde mehr, können vielleicht irgendwann nicht mal mehr ihr Haus verlassen. Das Leben erscheint vielleicht sinnlos, Depressionen und Suizidgedanken können an der Tagesordnung stehen. Gesundheitliche Probleme kommen hinzu, im schlimmsten Fall endet es tödlich.

Jenke hat 4 Wochen gehungert, dadurch natürlich abgenommen und auch ein paar körperliche Symptome zu spüren bekommen.
Gleichzeitig hat er Interviews mit essgestörten Menschen geführt. Ein Mensch mit Essstörung jedoch hat womöglich nach langer Krankheitszeit keine Kontakte mehr und lebt isoliert, u.a. weil der Magersüchtige irgendwann jede Essenssituation meidet und ihm die anderen Menschen evtl. zu viel sind. Das wurde hierbei gar nicht bedacht und spielt meiner Meinung nach eine große Rolle für das psychische Befinden.
Jenke hat angebotenes Essen lachend abgelehnt mit den Worten, dass er nicht darf. So dass für alle ersichtlich war, dass er nichts isst. Für mich hatte das mehr „Diät“-Charakter. Denn ein anorektischer Mensch „hat schon gegessen“ und hat nach außen möglichst keinen Hunger (Hunger = „Schwäche“). Auch hat er sich sicherlich nicht geschämt, als er vor seiner Frau gegessen hat, da er sich allgemein für Essen nicht schämen wird, da es für Menschen mit normalem Essverhalten ganz normal ist und zum Leben dazu gehört.
Zwischendurch zeigt Jenke zwar Tendenzen, die denen einer Essstörung ähnlich sind (z.B. dass er sich z.B. gut fühlt ohne schweren Magen, oder dass ihm im Spiegel gefällt was er sieht, nachdem er abgenommen hat). Aber am Ende meint er selbst, als er sich dann auch schon körperlich schlecht fühlt, dass er dringend zunehmen sollte – er hat vermutlich keine verzerrte Körperwahrnehmung, wie anorektische Personen und sieht sich nicht als dick an.
Nach 4 Wochen Hungern hat er dann zum ersten Mal eine größere Menge Nahrung vor sich stehen, (wovon er 1/4 gegessen hat, falls ich das richtig gesehen habe!?). „Das ist ja so ein Moment, wo Bulimiker sich den Finger in den Hals stecken, um das wieder los zu werden. Ich glaube, das mach ich jetzt mal…“, meint Jenke, steht auf und geht in’s Badezimmer. Sorry, aber die Szene fand ich sehr unpassend für das Fernsehen. Erstens war sein Bespiel (nach langer Zeit wieder ein bisschen essen und es dann wieder loswerden wollen) nicht typisch bulimisch, sondern eher dem Typ der Magersucht zuzuordnen, der auch manchmal kleine oder normale Mahlzeiten erbricht. Zweitens fand ich die Idee, das jetzt einfach mal auszuprobieren, daneben. Drittens muss man sich nicht vor laufender Kamera den Finger in den Hals stecken und dann noch erwähnen, wie es letztendlich doch noch geklappt hat (als ob das nicht manche zur Nachahmung antreibt…)… Und viertens kann man nach einmal Kotzen meiner Meinung nach nicht von einer „Bulimieerfahrung“ reden. Sorry, aber journalistisch fand ich die Selbsterfahrung als Experiment irgendwie daneben. Ja, er hat gehungert und sich einmal erbrochen und seine Erfahrungen dabei mit uns geteilt. Aber musste das wirklich sein? Hätten nicht die Interviews mit den von Essstörungen betroffenen Leuten genügt? Die Erfahrungen und die Eindrücke, die durch diese Menschen bei dem Zuschauer entstanden sind, fand ich gar nicht mal so schlecht. Und vor allem authentisch. Doch es war alles irgendwie so komplett durcheinander, weil immer zwischendurch Jenke mit seinem „Experiment“ zu sehen war. Aber klar, das ist das, was vermutlich die Quoten in die Höhe treibt. Ein Mensch, der an seine Grenzen geht und vor laufender Kamera seine Gesundheit auf’s Spiel setzt. Ist es das denn wert? Dafür, dass die Zuschauer nun wissen, wie ungesund Hungern und wie schwierig und kräfteraubend das Erbrechen sein kann!?? Meiner Meinung nach nicht. Was ist mit Selbstfürsorge, Herr Jenke!? Da hätten doch auch die Interviews gereicht, mit Menschen, die wirklich an einer Essstörung erkrankt sind und diese hätte man noch ausführlicher führen können oder vielleicht mal einen Menschen im Alltag begleiten. Ach stimmt, das wäre dann ja doch zu viel der Aufklärung und zu wenig Unterhaltungswert für’s deutsche Fernsehen gewesen…

Eine Essstörung ist kein Experiment, sondern ein Prozess, der meiner Meinung nach nicht innerhalb von vier Wochen hungern oder einmal erbrechen, nachempfunden werden kann. Allein schon die Idee finde ich absurd und auch ein bisschen geschmacklos… Essstörungen sind ernstzunehmende Erkrankungen, mit denen man nicht „experimentiert“…

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