Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , ,

„Weißt du noch, als er damals meinte, er würde dich eines Tages heiraten?“
Sie verdreht die Augen. Sie hasste es, wenn ihre Eltern irgendwelche bescheuerten Anekdoten aus ihrer Kindheit auspackten. Außerdem wollte sie sich gerade nicht anmerken lassen, dass es sie doch ein bisschen getroffen hatte, als sie die Neuigkeit erfuhr. Er würde dieses Jahr heiraten, hieß es. Heiraten…!

Sie waren damals beide fünf Jahre alt gewesen und er wohnte nur wenige Häuser von ihr entfernt, gleich schräg gegenüber. Viel Zeit verbrachten sie miteinander. Sie tobten gemeinsam, spielten Räuber und Gendarm, sie fuhren gemeinsam Schlitten und er brachte ihr das Fußballspielen bei.
Alles wollte er ausprobieren. So hatte er eines Tages ein Brett mit Nägeln auf den Gehweg gelegt und wollte warten, bis jemand mit dem Fahrrad rüberfahren würde. Im Gebüsch wollten sie sich beide verstecken. Doch dann kam ein Auto und hielt an. Ein zorniger Mann (ihr späterer Klassenlehrer der 3. & 4. Klasse 😛 ) stieg aus. Er kannte den Jungen wohl bereits und forderte die Kinder auf, das Brett schleunigst zu entfernen, sonst würde er die Eltern des Jungen einschalten…

Er kannte jede Menge Schimpfwörter und bekam immer wieder Hausarrest. Dann öffnete er sein Fenster, sie stand unten und sie unterhielten sich eben so. Eine Strickleiter wollte er sich bauen. Dann könne er zu ihr hinunterkommen und sie könnten wieder miteinander spielen.
Überhaupt wolle er eines Tages die große Wiese von nebenan kaufen. Dann würde er sie heiraten wollen, Kinder bekommen und ein großes gemeinsames Haus bauen…

Er war schon damals einer von diesen ganz intelligenten Kindern gewesen, die schon vor der Schule Rechnen & Lesen konnten. Irgendwann ging er in die Schule und sie noch ein Jahr in den Kindergarten. Sie hatten plötzlich nichts mehr miteinander zu tun…

Als sie in der fünften Klasse war, sah sie ihn jeden Morgen im überfüllten Bus. Er war einer dieser obercoolen Jungs.
Sie musste an der ersten Station raus. Es war mühsam, sich durch die ganzen Leute zu zwängen, die viel größer waren als sie selbst. Er machte Witze darüber. Jetzt würden wieder diese Schüler des XX-Gymnasiums kommen… Er hatte gut reden. Er war damals schon recht groß für sein Alter und musste erst einige Stationen später raus. Nämlich dann, wenn es kein Problem mehr war, rechtzeitig aus dem Bus zu gelangen.

Die Jahre vergingen, ohne dass sie sich viel sahen oder gar miteinander sprachen. Man hatte sich wohl auseinandergelebt…
Schon als Kind wuchs sie mit dem Glauben an Gott auf. Und eines Tages nahm eine Mitschülerin sie mit in ihren Jugendkreis. Die meisten Leute dort waren ein bisschen älter als sie. Sie wurde freundlich aufgenommen, war aber sehr zurückhaltend.
Sie waren aber noch nicht vollzählig. Irgendwann ging die Tür auf. Und wer trat herein? Niemand geringeres als ihr werter Herr Nachbar…
Es begann eine Vorstellungsrunde. Irgendwann war er an der Reihe und stellte sich grinsend vor. Auch sie musste grinsen.
„Und ich kenne die Gedankenschmiedin schon“, fügte er am Ende seiner Vorstellung noch hinzu… 😀

Sie besuchte den Jugendkreis hin und wieder, wenn auch nicht regelmäßig. Da sie beide ja direkt gegenüber voneinander wohnten, wurden sie auch immer wieder gemeinsam abends nach Hause gefahren.
Sie redeten nie viel. Waren beide eher etwas ruhiger. Sie sowieso.
Die Leute waren eigentlich wirklich nett. Aber sie konnte sich auch mit der Zeit einfach nicht öffnen. Manche machten Witze über’s Ritzen. Es verletzte sie. Denn sie verletzte sich. Und sie wusste, dass sie niemals mit jemandem darüber hätten reden können, auch wenn sie es sich manchmal so sehr gewünscht hätte…
Es gab eine Zeit, da war sie trotzdem irgendwie beliebt. Sie ging mit den anderen auf eine Freizeit und war bestens gelaunt.
Doch dann wurde wieder sie so ruhig, dass sie einfach nur noch im Hintergrund depressiv gestimmt da saß und sich einsamer denn je fühlte.

Die beiden redeten nicht viel miteinander. Ein paar Sätze. Es war üblich sich kurz zu umarmen, wenn man sich begrüßte (er 2 Meter groß, sie nur 1,60).
Aber sein Grinsen in bestimmten Situationen sprach manchmal Bände 😀
Manchmal setzte er sich neben sie.
Bei einer Filmnacht war er schräg gegenüber von ihr eingeschlafen. Und so zog der Film weniger ihre Aufmerksamkeit auf sich, als er es tat.
Doch sie durfte sich nicht in ihn verlieben. Sie durfte es einfach nicht! Denn ihre Freundin, die große Schwester ihrer Mitschülerin, hatte mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen.
Irgendwann erstattete sie ihr also immer Bericht, was z.B. im Garten der Nachbarn gerade so vor sich ging, oder wenn sie ihn wieder mal irgendwo gesehen hatte…

Und irgendwann fing er dann an mit ihr zu reden.
Sie war gerade auf dem Nachhauseweg. Sie hatten den gleichen Bus genommen. Als sie ausstieg, ging sie jedoch schnurstracks voran. Sie konnte nicht großartig mit Jungs reden. Dazu war sie viel zu schüchtern. Also lief sie. Und als sie seine Schritte hinter sich hörte, die immer näher und näher kamen, wurde sie immer schneller und schneller. Und auch er wurde immer schneller. Das konnte doch nicht sein! Sie hörte seinen Atem immer näher kommen. Doch sie konnte nicht schneller gehen. Irgendwann war er neben ihr. Sie gab auf. Sah ihn verunsichert an. Was wollte er von ihr?
Er begann ein Gespräch mit ihr. Bzw. versuchte es zumindest. Wollte wissen, ob sie auf dem Geburtstag von einer aus dem Jugendkreis gewesen war.
„Nee“. Du musst so tun, als würdest du nicht wissen, dass er nicht dort war! Schließlich hat dir das deine Freundin erzählt, die für ihn schwärmt! Mach‘ sie jetzt ja nicht verdächtig!
Gedankenschmiedin-Logik…!! 😛
„Warst du?“, fragte sie deshalb.
„Nee. Sonst hätte ich ja nicht gefragt ;)“ GRIIINS
Oh man, bist du dääämlich!!!

Morgens an der Bushaltestelle, als außer zwei Fünftklässer sonst niemand da war, sprach er sie erneut an. Doch sie war so perplex, dass sie einfach nur jede Menge Müll laberte, bzw. irgendwann gar nichts mehr sagte, weil sie ihm nicht sagen wollte, dass sie ihn nicht verstanden hatte, weil sie total erkältet war und ihre Ohren einfach mal dicht machten… -.- *peinlich*

Eines Tages ging er vor ihr her, auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause.
Wenn er sich jetzt umdreht, dachte sie sich…
Irgendwann drehte er sich zu ihr um. Und der Blick den er ihr zuwarf, war lange…

War sie nicht im Jugendkreis, erkundigte er sich nach ihr bei ihrer Freundin.
Und ihre Freundin…. Die setzte sich eines Tages in den Kopf, offensiver zu werden. Machte ihm ein Weihnachtsgeschenk. Schrieb ihm SMS. Und er hat vermutlich kapiert, was da Sache war…

Gleichzeitig hatte ihre Freundin die Leidenschaft, Geschichten zu schreiben. Am liebsten baute sie dabei Geschichten des alltäglichen Lebens ein. Und somit auch ihn.
Und Gedankenschmiedin hatte ihr so einiges erzählt. Auch aus seiner Kindheit.

Jedenfalls fing er eines Tages (Anfang 2009) an, Gedankenschmiedin an der Bushaltestelle zu ignorieren. Und sie traute sich auch nicht mehr mit ihm zu sprechen. Vielleicht kam er nicht damit klar, dass sie in seiner Gegenwart immer so viel wirres Zeug laberte. Oder er hatte verstanden, dass ihre Freundin auf ihn stand. Oder er hatte eine dieser Geschichten über sich selbst gelesen und war nun sauer auf sie, weil sie ihrer Freundin so viel über seine Kindheit erzählt hatte.
Er ging nicht mehr in den Jugendkreis. Es wurde erzählt, dass er aus Überzeugung nicht mehr kommen würde, er konnte sich wohl mit den Inhalten nicht mehr so recht identifizieren.
Und an der Bushaltestelle standen sie nur noch stumm nebeneinander. Selbst im Regen, wenn sie einen Schirm dabei hatte und er nicht…

Schon die Monate davor war es ihr schlecht gegangen. Aber die Situation machte irgendwie alles noch schlimmer. Sie hatte das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben. Sie suchte die Fehler bei sich. Er ignorierte sie. Und das verletzte sie tief.
Sie liefen sich von da an nie wieder über den Weg…
Irgendwann besuchte er eine andere Gemeinde – die in seinem Dorf. Vermutlich ging es ihm besser. Er wurde offener, selbstbewusster und im ganzen Dorf sehr beliebt.
Sie brach schließlich die Schule ab und er zog für sein Studium um.
Er lernte seine jetzige Freundin kennen und wird sie nun dieses Jahr heiraten.
Ende der Geschichte…

Ob eines Tages noch herauskommt, warum die beiden sich plötzlich eines Tages so ignoriert haben? Unwahrscheinlich, aber wer weiß. Denn manchmal läuft man jemandem ganz unerwartet über den Weg, den man viele Jahre aus den Augen verloren hatte…

Advertisements